Kornfeld

© Tetyana Kovyrina, Pexels

Interview

Warum unser Ernährungssystem Veränderungen braucht

7 Fragen an Charlotte Binder, M. Sc. Agriculture and Food Economics
Charlotte Binder

Foto: privat

Charlotte Binder

Im Raum Köln/Bonn leben rund 3,5 Millionen Menschen. Die Agrarwissenschaftlerin Charlotte Binder fand heraus, dass wir im Krisenfall keine sichere Ernährungsversorgung haben. Im Gespräch verrät sie uns, was die Motivation hinter ihrer Forschung ist und wie man die Resilienz der Region stärken kann.

Lesezeit: ca. 5 Min.

Charlotte, erzähl doch mal: Was hast du heute schon alles gegessen?

Ein selbst gebackenes Brot mit Käse und Marmelade und zum Mittagessen einen Flammkuchen mit lila Ur-Kartoffeln und irischem Cheddar. Und jetzt trinke ich gerade einen Cappuccino mit dir! ;-)

Wie würde sich dein Essverhalten ändern, wenn wir in der Region Köln/Bonn mehr regionale Lebensmittel konsumieren würden?

Ich selbst achte schon sehr auf mein Essverhalten. Aber im besten Falle würde sich das Angebot insofern ändern, dass ich auch in meiner Mittagspause vom Büro aus zum Beispiel die Möglichkeit hätte, bei Restaurants und Lokalen zu bestellen, die regionale Lebensmittel einkaufen und verarbeiten.

Du hast in deiner Masterarbeit zum Thema „Resiliente Ernährungssysteme“ geforscht. Resilienz bedeutet: Widerständsfähig bei Krisen sein – wie kamst du eigentlich auf die Idee? Warum wolltest du das unbedingt erforschen?

Mich haben zwei Dinge motiviert. Mein Freund ist Gemüsebauer und dadurch bin ich sozusagen „von Haus aus im Thema“. Und es war mir auch im Studium immer ein Dorn im Auge, dass man sich mit dem Thema Resilienz und Nachhaltigkeit zwar viel beschäftigt hat, aber vor allem bezogen auf die Länder des globalen Südens. Und als ich dann die Idee zu meiner Forschung hatte, war das erste Feedback oft „Ach was, die Supermarktregale hier sind doch voll!“. Dann kamen aber erst Corona und dann die Überschwemmungen im Ahrtal und jetzt der Ukraine-Krieg – alles Sachen, die sich spürbar in unserer Region auswirken. Deswegen bin ich überzeugt, dass das Thema aktueller und relevanter nicht sein könnte.

Welche Risikofaktoren für das Ernährungssystem gibt es?

Die vier größten Risiken sind ...
  • Boden- und Wasserknappheit
  • Der Flächendruck
  • Der Klimawandel
  • Verlust von Biodiversität

Ich hab das Gefühl, alles, was mit den Themen Nachhaltigkeit und Klima zu tun hat, ist sehr emotional für viele Menschen. Nimm uns doch gerne mal mit: Mit welchen Gefühlen bist du in die Arbeit reingegangen und wie haben sie sich vielleicht auch verändert?

Ich war immer wieder schockiert, wie wenig das Thema in westlichen Ländern erforscht ist. Und man ist auf eine Art auch echt frustriert. Weil man so viele Dinge entdeckt, die schieflaufen. So viele Punkte, wo man denkt: Hey Leute, das könnte man so einfach besser machen!Warum passiert das nicht schon längst? Gleichzeitig aber auch die schönen Gefühle, die Highlights. Wenn ich mit Leuten gesprochen habe und merke: OK, es gibt diese Graswurzel-Bewegungen. Leute packen an und engagieren sich regional. Das ist leider nicht immer so sichtbar, passiert aber super häufig.

Eines der Ergebnisse deiner Studie ist: Wir müssen regionale Ressourcen wieder besser nutzen – wie könnte das möglich gemacht werden?

Was ganz wichtig dafür wäre, ist mehr Transparenz. Dass Akteure und Akteurinnen voneinander wissen und man sich gegenseitig unterstützt. Und dass die regionale Infrastruktur wieder gestärkt wird. Wir haben hier in der Region viele verarbeitende Betriebe verloren. Dazu gehören Mühlen, Schlachtereien, Metzgereien. So kann ein resilientes System nicht funktionieren. Man muss gucken, dass von den Erzeuger:innen bis hin zu den Konsument:innen die ganze Kette regional bedient werden kann. Und dass eine Sensibilität in der Bevölkerung für das Thema geschaffen wird. Häufig sind regionale und nachhaltige Lebensmittel teurer. Die Leute müssen verstehen: Warum ist das so? Und warum ist es das wert?

Folgendes Szenario: Wir leben in der Region Köln/Bonn überwiegend von regionalen Lebensmitteln. Was machen wir, wenn hier zum Beispiel mal eine Dürre ausbricht, haben wir dann nichts mehr zu essen?

In einer perfekten Resilienz wäre man ja nicht autark. Das könnte man gar nicht schaffen. Man hätte noch genug Verbindungen nach außen, für Importe zum Beispiel. Aber die importierten Produkte sind ausgewählter, saisonaler und nachhaltiger.

Ehrlich gesagt: Es geht um Balance. Man will ja auch nicht auf alles direkt verzichten müssen. Wenn du eine Avocado essen willst, dann kauf dir eine richtig gute Avocado, genieß sie und wertschätz sie. Ich bin keine Verfechterin von einem radikalen „Wir müssen komplett zurück zu dem Lebensstil wie vor 200 Jahren“ – da waren die Leute vielleicht auch nicht glücklicher.

Hast du noch etwas, was du unseren Leser:innen mitgeben willst? Was wünscht du dir?

Was wir jeden Tag essen, das ist der Kern unseres Seins. Geht mit offenen Augen, Ohren und Sinnen durch die Welt. Schaut, was um euch herum wächst und was ihr wachsen lassen könnt – in jederlei Hinsicht.

 

Ich bin überzeugt, dass die globalen Herausforderungen auf lokale Lösungen angewiesen sind.

Charlotte Binder, 29. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten unter freiem Himmel, in Bewegung und in guter Gesellschaft.

Interview: Michelle Gille

 

Linktipps

  • Erfahre mehr über Charlottes Forschung und resiliente Ernährungssysteme auf der Seite des BzfE (Bundeszentrum für Ernährung).
  • Hier geht’s zur Humuswerkstatt, die unter anderem Inspiration für die Forschung war.

Hier können die Ergebnisse der Studie eingesehen werden:

 

Globale Nachhaltigkeitsziele – Sustainable Development Goals (SDG)

Die Idee eines resilienten Ernährungssystemes leistet einen wertvollen Beitrag zu mindestens drei SDGs
  • SDG 11 Nachhaltige Städten und Gemeinden: Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten

  • SDG 12 Nachhaltige/r Produktion und Konsum: Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen

  • SDG 13 Maßnahmen zum Klimaschutz: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen

eine Person setzt junge Salatpflanzen in die Erde

Ernährung

In den letzten zehn Jahren ist viel passiert in Sachen Ernährung in Bonn. Es gibt immer mehr

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